25 | 11 | 2017

Predigt Dechant Veit Festgottesdienst 725 Jahre Stadtrechte

Predigt von Dechant Matthias Veit im ökumenischen Gottesdienst am 29. Mai 2016 in der St. Clemenskirche zur Feier des Jubiläums der Verleihung der Stadtrechte vor 725 Jahren

Liebe Schwestern und Brüder

Es tut gut, ab und zu inne zuhalten, um zurückzuschauen, um sich zu vergewissern: Wo komme ich her? Was sind meine Wurzeln? Was ist, im Bild des Baumes gesprochen, das verlässliche Holz, der Kern, die Mitte, um die ich die Gegenwart gestalten kann, Jahresring um Jahresring lege? Das Jubiläum zur Verleihung der Stadtrechte erscheint mir als ein willkommener Anlass eine solche Rückschau vorzunehmen. Und ich denke, wir tun es völlig zu recht an einem Ort, der wohl wie kein anderer in unserer Stadt bezeugt, dass zum geschichtlichen Kern und Motor unserer Kommune der christliche Glaube wesentlich mit hinzugehört.

Nach neuesten Forschungen - und da bin ich im folgenden Herrn Hans Schüller für seine soliden Recherchen und Hinweise sehr dankbar - sind die ersten Christen in der Siedlung Mayen bereits im 8. Jahrhundert belegt. Als es um die Ausübung „des neuen Glaubens“ ging, wie man den Glauben der Christen damals betitelte, übernahm neben St. Veit (links der Nette gelegen) St. Clemens die Führungsrolle! Das Patrozinium des Hl. Papstes Clemens wird übrigens fünf Jahre nach Verleihung der Stadtrechte, also 1296, erstmals schriftlich erwähnt! Zwischen Münstermaifeld und Nachtsheim erstreckte sich der Einflussbereich der Großpfarrei St. Clemens. Wir Katholiken        werden uns nach der Trierer Synode wieder an solch große  räumlichen Zuschnitte von Pfarreien  gewöhnenmüssen. Trösten wir uns: Alles ja schon mal da gewesen!

Für die einsetzende städtische Entwicklung wird die Clemenskirche ein wichtiges Standbein. Erzbischof Balduin siedelte zudem von Lonnig aus ein Augustiner Chorherrenstift an St. Clemens an. Damit einher ging die Errichtung eines Klostergebäudes und ein kompletter Kirchenneubau an dieser Stelle. Die Eingangshalle an der Südseite von St. Clemens, mit steinernen Gerichtsbänken versehen, diente nicht nur der kirchlichen Rechtssprechung, sondern auch dem weltlichen Schöffengericht. Auf der Kirchentreppe wurden Urteile   verkündet, aber auch private Verträge öffentlich bekannt gemacht. Zudem benutzte man das Gewölbe des romanischen Eulenturms schon früh als Hinterlegungsort wichtiger Dokumente und Wertsachen der gesamten Stadt. Dieser älteste Turm der heutigen Clemenskirche war also so etwas wie unser erstes Stadtarchiv! Bald wurde am Kloster eine erste Schule eingerichtet. Dem Kloster unterstand auch das Hospital an der Stehbach (im Bereich der heutigen Heilig Geist Kapelle). Das Hospital sicherte nicht nur die medizinische Versorgung der Mayener Bevölkerung, sondern ermöglichte auch die Beherbergung Durchreisender und die Speisung Armer, war also quasi die erste Mayener Tafel.

Diese wenigen Beispiele aus dem Mittelalter, u. a. aus der Zeit der Verleihung der Stadtrechte, zeigen die enge Verbindung zwischen Stadt und Kirche, die sich in guten und schlechten Zeiten durch die Jahrhunderte fortsetzte. Gerade in schwierigen, bedrohlichen Jahren rückten die Menschen zusammen. Brände und Seuchen, Missernten und Kriege, bis hin zur totalen Zerstörung am 2. Januar 1945 überwanden die Mayener nicht zuletzt aus der Krafteines   gelebten christlichen Glaubens, dem ja eine unbändige Hoffnung eigen ist.

Liebe Schwestern und Brüder

In der Gegenwart angekommen, dürfen wir uns auf dem Hintergrund einer solch reichen und bewegten Geschichte fragen: Wer sind wir also? Wer sind wir als Christen in dieser Stadt? Hilfreich kann uns jenes Schriftwort sein, welches Pfarrer Hertel aus dem 15. Kapitel des Johannesevangeliums vorgelesen hat. Der Lesetext stammt aus den Abschiedsreden Jesu. Bevor der Herr seinem Leiden und Sterben in Jerusalem entgegengeht, spricht er den Seinen,    einem Testament, einem Vermächtnis gleich, diese Sätze zu. Und man spürt es den Worten an; sie sind dicht, in ihrer Botschaft durchwoben von großer Vertrautheit und Wertschätzung. Sie gipfeln in der Aussage: Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt (Joh 15,9.15). Was für eine Auszeichnung! Ein Privileg, das man nicht verdienen kann, sondern sich nur schenken lassen kann! Wir sind nicht mehr Sklaven, Knechte, sondern Freie! Wir stehen mit Ihm im Bund. Wir sind besiegelt durch den Heiligen Geist. Einer Urkunde gleich ist uns dies bei unserer Taufe im Kreuzzeichen auf die Stirn geschrieben. Nicht nur diese Stadt hat Stadtrechte erhalten, aus einer Gefälligkeit des damaligen Königs heraus. Wir selber haben Statt-rechte erhalten (mit zwei t geschrieben)!! Gott hat uns an Sohnes statt angenommen, und dies nicht nur aus Gefälligkeit, nein aus purer Liebe! Die Apostel Paulus und Johannes äußern diesen Gedanken mehrfach sinngemäß so in ihren Briefen. Und der Verfasser des Epheserbriefes fügt mit der Autorität desApostels hinzu: „Ihr seid also nicht mehr Fremde ohne Bürgerrecht, sondern Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes“(Eph 2, 19) Jesus selber hat uns den Zugang zu Gott aufgetan. Hausgenossen Gottes sind wir! Bereits eingetragene Bürger der himmlischen Gottesstadt Jerusalem!Wir brauchen  also wahrhaftig keine Minderwertigkeitskomplexe zu haben oder uns von irgend-jemandem einreden zu lassen. Wir sind wer! Wir dürfen stolz sein, Christ zu sein; stolz sein zu Christus, dem Gesalbten zu gehören. Diese Ehre, dieses Recht ist uns eingeräumt! Gnade pur. Ein Gott, der es gut mit uns meint!

Freilich: Wer Rechte hat, wer Privilegien eingeräumt bekommt, übernimmt auch Pflichten! Das war in der Folge von 1291 auch für die Mayener Bürger so. Die, die im Schutz der Stadtmauer lebten, mussten mit der Zeit Abgaben an die Obrigkeit entrichten, bald auch für einen eventuellen Kriegsdienst bereit stehen. Wer Rechte hat, hat auch Pflichten! Und das gilt eben  auch in religiöser Hinsicht.

Was haben wir also dieser Stadt, den Mitmenschen, auf dem Hintergrund unserer „Auszeichnung“ Freunde Christi zu sein, zu geben? Was ist unsere Pflicht? Was sind wir einander heute und auch unseren Nachfahren zukünftig schuldig? Uns im Glanz einer unverdienten Ehre auszuruhen? Die Hände in den Schoß zu legen? Nein, ganz im Gegenteil.  Wie heißt das Sprichwort: Wer A sagt, muss auch B sagen! Und ich füge in leicht abgewandelt hinzu: Wer A bekommt, muss auch B tun. Jesus kleidet unsere Verpflichtung in die schlichte Aufforderung: Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe (Joh 15, 12). Das ist Sein Gebot! Jesu Erwartung! Liebe haben wir seinerseits bekommen, Liebe sollen wir geben. Das Einander zugetan sein, das Sich einbringen, das sich Einsetzen zum Wohle des anderen, ist gerade da, wo andere Mittel (z.B. Geld) knapp geworden sind, ein schier unerschöpfliches Potential für den Zusammenhalt einer Gemeinschaft, so wie wir es sind und sein wollen.

Liebe Mitchristen.

Wenn Papst Franziskus das Jahr 2016 zum Jahr der Barmherzigkeit erklärt hat, dann möchte er genau auf diese Kraft neu aufmerksam machen. Er möchte Jesu Gebot der Liebe ganz praktisch werden lassen, und auch den Dienst der Kirche so verstanden wissen. Die kirchliche Tradition kennt schon seit der Zeit der Kirchenväter die sog. leiblichen und geistigen Werke der Barmherzigkeit. Statt Werke könnte man auch sagen Haltungen. Der Altbischof von Erfurt, Dr. Joachim Wanke, hat ausgehend vom Liebesgebot des Herrn und unserer Tradition sieben „moderne Werke der Barmherzigkeit“ formuliert, sieben ganz einfache Selbstverpflichtungen. Er sagt: Gib einem anderen folgendes zu verstehen, lass ihn folgendes spüren:

1. Du gehörst dazu!
    Auch wenn du vielleicht nicht „in“ bist,
    dich am Rand der Gesellschaft wähnst,
    auch wenn du nicht mithalten kannst wie andere,
    noch fremd bist, … du gehörst dazu.

2. Ich höre dir zu! Ich habe Zeit für dich.
    Du bist mir wichtig.
    Ich will dich verstehen.

3. Ich rede gut über dich!
    d.h. nicht, dass ich Dir nicht offen sage, was ich denke. Ich gieße dir schon reinen Wein ein. Aber ich mache nicht mit,
    wenn andere tratschen, sich den Mund zerreißen, dich nur auf Fehler festnageln, reduzieren, wollen.
    Ich weiß um deine Würde, und vergesse deine Stärken nicht, achte sie.

4. Ich gehe ein Stück mit dir.
    Auch wenn ich selbst Sorgen genug habe.
    Ich begleite dich. Ich helfe dir beim Anfangen.
    Ich helfe dir auf die Sprünge.
    Gebe dir - wo nötig - Starthilfe.

5. Ich teile mit dir.

6. Ich besuche dich.
    Auch wenn meine Zeit knapp ist.
    Auch wenn noch so viel anderes zu tun wäre.

7. Ich bete für dich.
    Ich empfehle dich dem an, der dich kennt, der einen guten Plan für dein Leben hat.
    Seine sorgenden Hände sollst Du spüren!

Was da, in der Entfaltung des Liebesgebotes Jesu,  in schlichten Sätzen als Haltung empfohlen wird, das kann mit einem bisschen guten Willen jeder von uns: Das kann ein Stadtratsmitglied genauso wie ein Schulkind, eine Pfarrerin genauso wie die Pflegerin im Altenheim, der Arbeiter bei der Firma Weig genauso wie der Jugendliche in seiner Clique, die Helferin bei der Mayener Tafel genauso wie der, der dort Kunde ist.

„Liebt einander!“ Genau dies sind wir einander schuldig!!  Ein Segen, wenn’s geschieht! Dann verändert sich das Klima in einer Stadt. Dann baut sie an ihrer Zukunft. Dann wird sie der verliehenen Rechte gerecht. Und in den Jahren, in denen ich bislang hier sein durfte, habe ich es schon mehr als einmal erlebt: Sie können es auch, die so genannten Mayener „Dudschläger“, sie können sehr liebenswert sein! 

Amen